Das Orwell-Bein — Hose für das 21. Jahrhundert

Das Orwell-Bein — Hose für das 21. Jahrhundert, 1984

Material / Technik / Bildträger

Jeanshose, unterschiedlich innerhalb der Auflage, mit kreisrunden Löchern

Maße

ca. 90 x 45 cm

Auflage

Unlimitiert, nur ca. 35 ausgeführt, signiert auf Etikett, nicht nummeriert

Bestand

Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Herausgeber

Editions Liliane et Michel Durand–Dessert, Paris

Werkverzeichnisnummer

Nr. 485

Foto

© Mario Gastinger, Photographics, München




Über das Werk

Pünktlich zum Orwell-Jahr 1984 nahm Beuys am 1. Januar 1984 an einem TV-Experiment des Medienkünstlers Nam June Paik teil, das via Satellit live auf verschiedenen Kontinenten übertragen wurde.1 Bei dieser Veranstaltung trug Beuys eine Jeans mit einem runden Loch auf dem rechten Knie. Sie wurde zum Ausgangspunkt für das Multiple Das Orwell-Bein – Hose für das 21. Jahrhundert.2

Beuys äußerte über das Multiple, jeder auf der Welt solle sich eine solche Hose machen, um gegen den weltweiten Materialismus und die Unterdrückung zu kämpfen.3 Zwar gab es 1984 keinen Überwachungsstaat im Sinne des Orwellschen Big Brother, aber eine Welt voller Ungerechtigkeit und Ungleichheit, was Beuys stark beschäftigte. Die Ursache für diese negative Entwicklung sah er in dem materialistisch geprägten Weltbild, das er überwinden wollte, indem er sich für die Kräfte der Intuition einsetzte, deren Möglichkeiten er höher einschätzte als die des rationalen Denkens. Letzteres lokalisierte er im Hirn, während die spirituelle Erfahrung der Intuition an jeder Stelle des Körpers möglich ist. Insofern lenkt er über die kreisrunden Löcher in der Hose den Blick auf das Knie – ähnlich wie im Multiple aus Eurasienstab von 1973, in dem er die Margarine in seine Kniekehle gedrückt hatte. Über die Intuition als Grundlage der Kreativität wollte er Prozesse für eine zukünftige Gesellschaft in Gang setzen, die – so legt es der zweite Titel vom Orwell-Bein nahe – im 21. Jahrhundert Realität werden könnte.

 

1 Nam June Paik, Art for 25 million people: bon jour, Monsieur Orwell ; Kunst und Satelliten in der Zukunft ; eine Anthologie von Nam June Paik aus Anlaß d. Ausstellung "Good Morning, Mr. Orwell" in d. Daadgalerie vom 28.11.-9.12.1984 (Berlin, 1984).

2 Jörg Schellmann (Hrsg.), Joseph Beuys: Die Multiples, München, New York 1997, S. 491.

3 Ebda. Zitat im Original auf Englisch: „[e]verybody in the world should make this [sic] trousers to themselves [sic], to struggle against world-wide materialism and repression.”

Siehe auch