Beuys hat das Kreuz in unterschiedlichen Formen mit vielfältigen inhaltlichen Bezügen verwendet.1 In seiner langgestreckten Form thematisiert es Beuys’ Beschäftigung mit dem Christentum, die von der anthroposophischen Lesart Rudolf Steiners beeinflusst ist. Für Steiner stellte Jesus Christus durch seine Menschwerdung einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit dar. Denn erst durch Christus konnte der Mensch seiner selbst gewahr werden und sein Ich erkennen. Daraus zog Steiner den Schluss, der Mensch müsse Gott in sich finden, um zum wahren Menschentum, zur Freiheit des Geisteslebens und zur Selbstbestimmung aufzusteigen.2 In diesem Sinne ist das Kreuz auch bei Beuys als Symbol für die Kraft der individuellen Freiheit zu sehen.
Als gleichschenkligem Kreuz kommen ihm weitere Bedeutungen zu, die je nach Gesamtzusammenhang auf Gefahr, Heilungsfunktion oder Ganzheitlichkeit verweisen. Häufig taucht es in Form eines Stempels in der rotbraunen, von Beuys als Braunkreuz bezeichneten Ölfarbe auf. Das erinnert an das Rote Kreuz und damit gleichermaßen an Notfallsituationen wie auch an Rettung und Genesung.3 Als Symbol, in dem sich zwei gleiche, formal aber entgegengesetzte Elemente zu einer größeren ausgeglichenen Form verbinden, deutet das symmetrische Kreuz auf Beuys’ Intention, Gegensätze oder voneinander getrennte Elemente in Einklang zu bringen. Um das Moment der Trennung von eigentlich Zusammengehörigen zu veranschaulichen, hat Beuys öfter auch ein „Halbkreuz“ – so Beuys’ Begriff – verwendet, ein unvollständiges Kreuz also, dem eine Seite fehlt. In seiner Unvollständigkeit verweist das Kreuz einerseits auf einen Begriff aus einem Gegensatzpaar – also etwa Geist oder Materie, Vernunft oder Intuition –, symbolisiert im fehlenden Teil aber andererseits auch dessen nicht vorhandenes Gegenstück. Die Verbindung des Halbkreuzes mit seinem fehlenden Arm entspricht demnach einer Vereinigung von Gegensätzen, zu der Beuys in vielen seiner Arbeiten aufgerufen hat.
Schließlich stellte das Kreuz für Beuys auch ein Symbol für das menschliche Streben nach Erkenntnis dar. Darauf wies er in einem Gespräch mit Friedhelm Mennekes hin: „Das Kreuz erscheint (…) überall wie eingewachsen in die Bestrebungen des Menschen, in seinem ganzen Suchen nach Erkenntnis allerorten, nicht nur als religiös fixiertes Zeichen, sondern vor allem als Orientierungssymbol in der Wissenschaft.“4
Durch seine vielschichtigen Bedeutungen lässt das Kreuzzeichen in Beuys’ Werk viele Interpretationen zu, die vom Kontext der jeweiligen Arbeit anhängen. Dennoch besteht eine Gemeinsamkeit: Das Kreuz signalisiert Hoffnung und ist insofern vorwiegend positiv besetzt. In einem weiteren Sinne spiegelt es damit Beuys’ Vorstellung von Fortschritt, den er in seiner Kunst und in geistigen und gesellschaftlichen Zusammenhängen anstrebte.
Siehe Multiples:
Vakuum-Masse
Telephon S------Ǝ
aus Eurasienstab
1 Eine Zusammenfassung der wichtigsten Bedeutungen, die das Kreuz bei Beuys hat, findet sich bei Caroline Tisdall, Joseph Beuys, London 1979, S. 108.
2 Vgl. hierzu Rudolf Steiner, Der Christus-Impuls und die Entwickelung (sic) des Ich-Bewusstseins, Berlin 1909/1910: http://anthroposophie.byu.edu/vortraege/116.pdf. Abgerufen am 6. Juni 2014. Vergleichbare Äußerungen über Christus finden sich bei Beuys in: „Im Gespräch mit Franz Joseph van der Grinten“, in: Kreuz + Zeichen. Religiöse Grundlagen im Werk von Joseph Beuys, Suermondt-Ludwig-Museum und Museumsverein Aachen, Aachen 1985, S. 14–15.
3 Beuys beschreibt das gleichseitige rote Kreuz als Symbol für einen Notfall, in: Caroline Tisdall, Joseph Beuys, London 1979, S. 168.
4 Friedhelm Mennekes, Beuys zu Christus, Stuttgart 1989, S. 80.